Mit gerade mal 29 Jahren hat Soleen Yusef bereits Kurzfilme, Dokumentationen und einen eigenen Spielfilm produziert. ©Hiua Aloji

„Das Volk muss lernen zu träumen“ - Interview Mit Regisseurin Soleen Yusef

Eines will Soleen Yusef ganz bestimmt nicht machen. Und das sind Nischenfilme. Um das herauszufinden, musste sie aber einiges ausprobieren. Malen, schauspielern, singen und designen. Irgendwann ist sie beim Film gelandet und geblieben. Ihre neueste Produktion heißt „Haus ohne Dach“ und erzählt die Geschichte von den Geschwistern Alan, Jan und Liya, die in Kurdistan geboren, aber in Stuttgart aufgewachsen sind. Sie machen sich gemeinsam auf den Weg in ihr kurdisches Heimatdorf um dort ihre verstorbene Mutter zu beerdigen. Auf ihrer Reise werden sie mit sich, ihrer kurdischen Großfamilie und ihrer Identitätssuche konfrontiert.

Corduene: Mit neun Jahren bist du mit deiner Familie nach Deutschland geflohen. „Flucht“ ist für dich also kein abstrakter Begriff und nimmt auch in „Haus ohne Dach“ eine zentrale Rolle ein. Warum schickst du deine Protagonisten auf diese lange Reise?

Soleen: In einem Großteil der kurdischen Einzelschicksale spielt die Flucht eine entscheidende Rolle. Das Fliehen und Ankommen. Aber auch das Zurückkehren in die Heimat. Diese „Verlorenheit und Suche“ ist ein kurdisches Thema. Der Roadmovie ist ein gutes filmisches Mittel bei dem auch rein dramaturgisch sehr viel passieren kann. Es wird dafür genutzt gesellschaftliches, philosophisches oder religiöses aufzuarbeiten. Roadmovies sind dadurch geprägt, dass die Figuren neben der physischen, eine spirituelle Reise durchleben. Eine Reise, die Fragen aufwirft und, die es innerhalb des Films zu beantworten gilt. Für Kurden ist das nach wie vor die Frage der Identität.

Szene aus "Haus ohne Dach". ©mîtosfilm

Corduene: Du hast dir als Kulisse für deinen Film „Haus ohne Dach“ deine Geburtsstadt Dohuk ausgesucht. In wieweit ist der Film von deiner eigenen Lebensgeschichte geprägt?

Soleen: Ich hatte schon immer den Wunsch einen Heimatfilm zu drehen und mich auf die Reise zurück in die Kindheit zu begeben. Ich liebe die Landschaft und die Leute in Kurdistan und wollte diese porträtieren. Im Laufe der Zeit wurde das Thema Kurdistan auch aktueller. Dabei habe ich gemerkt, dass es mich nervt, dass die Leute nur die Schlagzeilen aus der Region kennen und sich keiner so richtig mit den Menschen dort beschäftigt. Deshalb wollte ich die Geschichte einer kurdischen Familie erzählen, die nach Deutschland flüchtet, aber auch immer noch in Kurdistan beheimatet und so zwischen beiden Ländern hin und her gerissen ist. Und daraus ist letztendlich „Haus ohne Dach“ entstanden. Das ist die Beschäftigung mit meinem eigenen Lebenslauf, dem Werdegang meiner Familie, den aktuellen politischen Ereignissen und der Identität der Kurden selbst.

Corduene: Siehst du dich selbst als Multiplikatorin der Kurden in Deutschland?

Soleen: Eigentlich will ich universelle Geschichten erzählen. An nationale Grenzen denke ich dabei gar nicht. Aber das kurdische Volk wird bis heute unterdrückt und hat kaum eine Plattform auf der es von seiner Identität erzählen kann. Deswegen sehe ich mich als Filmemacherin schon in der Position dieses Bild der Kurden nach Außen mit zu kreieren. Am besten kann man Geschichten über sich selbst erzählen und überlässt das lieber nicht anderen. Film hat eine besondere Freiheit und erreicht ein Publikum auch ganz anders. Das sind eben keine politischen Schlagzeilen, die einen erdrücken. Sondern eine Auseinandersetzung im kreativen Sinne. Vor allem wenn man es schafft Geschichten zu erzählen, die emotional sind und mit denen man sich identifizieren kann.

Am Set von "Haus ohne Dach". ©Hiua Aloji

Corduene: Du hast vor „Haus ohne Dach“ zwei Dokumentarfilme über die NSU-Prozesse gedreht. Jetzt einen Spielfilm, der in Kurdistan spielt. Worauf wirst du zukünftig deinen Fokus richten?

Soleen: Da möchte ich mich nicht festlegen. Im Kern gibt es immer die Auseinandersetzung mit kurdischen Themen. Ich setze mich privat ständig damit auseinander und muss das verarbeiten. Ich habe aber keine Lust, mich selbst in eine Schublade zu stecken. Ich will auch in Deutschland als Filmemacherin ernst genommen werden, die Geschichten fern von rein kurdischen oder ausländischen Hintergründen erzählen kann.

Corduene: Hast du schon Ideen für weitere Filme?

Soleen: Ich würde als nächstes gerne eine kurdische Romantic-Comedy erzählen. Das ist sehr spannend weil Kurden echt witzig sind und es immer Probleme in der Liebe gibt. Das ist etwas, was dem kurdischen Publikum gefallen könnte weil sie so voll sind mit Tragödien. Ich würde gerne Genrefilme machen: kurdische Komödien, Romantic-Comedys und Actionfilme. Das kurdische Kino muss bunter werden damit eine Bewegung stattfinden kann. Im Moment ist das eher Aufarbeitungskino. Die Filme beschäftigen sich viel mit der Vergangenheit. Es ist wichtig sich damit auseinanderzusetzen und das filmisch aufzuarbeiten um auch der restlichen Welt klar zu machen, was in Kurdistan geschehen ist. Ein Film ist auch so etwas wie ein Manifest. Das kurdische Publikum selbst braucht aber ein bisschen mehr Hoffnung. Das Volk muss lernen zu träumen.

HOUSE WITHOUT ROOF // HAUS OHNE DACH // Trailer from Soleen Yusef on Vimeo.

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