Sonnenuntergang über der Osloer Oper ©Eric Haidara

Norwegens Traum der Autofreien Hauptstadt

Bergen, Norwegen - Wie man richtige Entscheidungen trifft, das wissen die Norweger. So auch im Herbst diesen Jahres, als die neue, linke Regierung Oslos beschlossen hat, dass das Stadtzentrum bis 2019 eine autofreie Zone wird. Natürlich gibt es da Ausnahmen, wie bei fast allen politischen Entscheidungen. Elektro-Busse, Taxen, Leute mit Behinderung usw. dürfen nämlich weiterhin durch die Innenstadt fahren.

Dennoch, die Heimat von 1000 Menschen – die anderen 90.000, arbeiten dort nur tagsüber – wird nicht länger von privatem Autoverkehr belastet werden. Das Ganze ist Teil eines ehrgeizigen Planes, der die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 50% zu senken soll berichtet der Guardian.
Außerdem sollen durch den verringerten Verkehr öffentliche Verkehrsmittel schneller und zuverlässiger Personen befördern können. Es ist kaum vorstellbar, dass das jemandem nicht gefallen könnte.

Ist dies ein bedeutungsvoller Schritt in Richtung eines neuen, umweltfreundlichen Selbstverständnisses von Großstädten oder einfach nur westlicher Snobismus?
Viele Osloer haben zwar die grüne Partei MDG gewählt, halten aber von der Idee einer Autofreien Stadt recht wenig.

„Ich finde das mit den Autos in Oslo gut so. Es ist doch witzig, wie alle für die MDG gewählt haben, um sich ein besseres Gewissen zu machen und jetzt, wo die Konsequenzen kommen, sind sie deswegen total angepisst,“ sagt Anna Matilda Kirsebom Lanto, eine zwanzigjährige Osloerin.
Sie führt weiter an: „Eigentlich wollen wir gar nicht aus unserer gemütlichen Blase raus. Wir tun gerne so, als ob wir uns um die Umwelt kümmern, wenn wir aber UNSER Auto aus der Stadt draußen lassen müssen, werden wir sauer.“

In anderen Ländern würde man wohl genauso, wahrscheinlich sogar negativer, reagieren. Tatsächlich ist es eine absolut normale Charaktereigenschaft. Jeder findet es gut, wenn sich etwas in Richtung Umweltfreundlichkeit ändert, aber bitte nicht im eigenen Garten oder - wie in diesem Fall – der eigenen Hauptstadt.

In Berlin wird derzeit empfohlen nur noch am Morgen Joggen zu gehen, da ansonsten gesundheitliche Schäden durch Feinstaubpartikel die Folge sein können. Diese Partikel legen sich in der 3,5 Millionen Stadt erst über Nacht, daher ist die Luft am Morgen weitaus besser zum Sport geeignet.

Im chinesischen Peking, mit mehr als dem Dreifachen an Einwohnern, sieht man, welche Bedrohung die Smog-Verschmutzung darstellt. Für Peking wären Projekte, wie jenes aus Oslo, derzeit fast unmöglich umzusetzen, wobei die Dringlichkeit proportional zur Verschmutzung steigt. Alle Anschuldigungen gegenüber Norwegen, der Hipster aller Staaten zu sein – also etwas zu machen, bevor es wirklich cool ist – mal bei Seite. Es ist, vor allem in Sachen Umwelt, wichtig einen Pionier zu haben.

„Ich finde das ist gut für die Stadt Oslo und gut für das Land Norwegen, das als gutes Beispiel für andere Staaten dienen kann. In Städten wie München, Freiburg, Gent oder Florenz gibt es bereits autofreie Zonen und Oslo sollte sich bei ihnen abgucken, was funktioniert und was nicht, “ meint Aleksander Nygard Tonheim, der im norwegischen Bergen lebt.

Anstatt zu werten und Norwegen für seine offensichtliche Heuchelei – Öl zu fördern und sich gleichzeitig das grüne und moderne Gewand von Wasserkraft überzuwerfen – anzuklagen, wäre es besser, die verschiedenen Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, zu betrachten.

Das bekannteste Beispiel für umweltfreundliche Energie ist Costa Rica. Wie der Spiegel berichtet, möchte das lateinamerikanische Land im Jahr 2021, zu seinem 200ten Geburtstag, gänzlich CO2-neutral werden. Obwohl der Kleinstaat bereits vier Fünftel seiner Stromversorgung aus Wasserkraft bezieht und im vergangenen Jahr ganze 280 Tage damit auskam, baut der Plan auf dem Kauf von Verschmutzungsrechten auf. Wird dieser Plan also etwas grundlegend ändern? Auf dem Papier schon. Das CO2 bleibt nämlich bestehen. Soll das etwa Motivation für Staaten wie China sein, den CO2-Ausstoß zu verringern?

Soviel zum Stand der Dinge. Während Norwegen der coole und moderne Hipster ist, stellt China hingegen ganz sicher den alten, knarzigen Mann dar, der in einer Hütte lebt und sich als Letzter von Dingen überzeugen lässt, die sogar für ihn ganz gut sein könnten. Bestimmt hat er auch noch nicht von dem Hippie-Zeug namens Menschenrechte oder Nachhaltigkeit gehört, doch gleichzeitig funktioniert sein Lebensweg genauso gut wie andere, noch. Und genau eben deswegen IST die norwegische Maßnahme ein Zeichen von Wohlstand, doch -  und deswegen sind wir alle neidisch darauf – auch gleichzeitig ein First-World-Problem. Und ein Staat, der sich um diese Probleme kümmert, hat den ganzen Hippie-Kram, den der alte Mann noch lernen muss, schon in Ordnung gebracht.

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